Kata: Die Judo Formen

„Kata“ bedeutet im Wortsinn Form, Stil, Muster.

In den japanischen Kampfkünsten sind diese festgelegten „Formen“ wichtige Hilfsmittel, um die überlieferten Techniken und die Prinzipien der jeweiligen Kampfkunst üben zu können und diese im Bewegungsgedächtnis zu archivieren.

Hier findest du Beschreibungen und Videos zu den Judo Formen Nage no Kata, Katame no Kata, Gonosen No Kata, Kodokan Goshin jutsu, Ju no Kata, Kime no Kata, Itsutsu no Kata, Koshiki no Kata und Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku no Kata.

Nage no Kata

投の形 ( Form der Werfens )

Sie wurde als erste Kata von Jigoro Kano im Jahre 1887 im Kodokan entwickelte und gehört zusammen mit der Katame no Kata (und je nach Darstellungsart noch der Gonosen no Kata) zur Gruppe der Randori-no-Kata.

Die Nage no Kata vermittelt die grundlegenden Wurfprinzipien des Judo. Die Nage-no-kata besteht aus 5 Wurfgruppen mit jeweils 3 Würfen, die genau in dieser Reihenfolge, jeweils zuerst rechts und danach links, ausgeführt werden. Einzige Ausnahme stellt Uki-Goshi da, der zuerst links und dann rechts geworfen wird. Am Ende des Artikels, haben wir ein Video verlinkt.

Kano legte in dieser Kata besonderen Wert auf die deutlich erkennbare Darstellung von

  • Kuzushi (Brechen, Stören des gegnerischen Gleichgewichts),
  • Tsukuri (Anpassen der eigenen Körperhaltung an das gebrochene oder gestörte gegnerische Gleichgewicht zur Wurfvorbereitung) und
  • Kake (Wurfausführung; Kime, d.h. Entscheidung)

Diese Wurfphasen waren zwar in den alten Jujutsu-Schulen bereits bekannt, aber vor Kano nie klar in ihrer herausragenden Bedeutung für eine wirksame Vorbereitung und Ausführung der Wurftechniken herausgestellt worden.

Nage no Kata lehrt nicht nur die technischen Prinzipien der einzelnen Würfe, sondern verbessert zugleich die Haltung (Shisei), das Gehen vorwärts, rückwärts, seitwärts und im Kreis (Shintai) sowie die Körperbeherrschung beim Eindrehen und Verteidigen (Tai sabaki).

Nage no Kata beabsichtigt nicht, moderne Wettkampftechniken, wie sie sich im Laufe der Zeit vor allem im Wettkampfbereich entwickelt haben, wiederzugeben. Vielmehr überliefert sie Techniken, wie sie in der Entstehungszeit des Judo tatsächlich bei den kämpferischen Auseinandersetzungen der rivalisierenden Ju Jutsu-Schulen untereinander oder gegen den Kodokan erfolgreich eingesetzt wurden. Einige der Wurftechniken hat Prof. Kano verschiedenen Ju Jutsu-Schulen entlehnt, andere sebst entwickelt.

Der traditionelle Ursprung wird u.a. in den unterschiedlichen katamäßigen Ausführungen des Seoi nage, Kata guruma, Tsuri komi goshi, Uchi mata, Tomoe nage, Ura nage (als Ma sutemi waza und nicht als Yoko sutemi waza) sowie der Demonstration von Sumi gaeshi, Yoko gake und Uki waza deutlich.

Tori und Uke führen die Kata ruhig und ohne unnötige Pausen, aber flüssig und ohne Hast sowie übermäßigen Krafteinsatz (insbesondere bei Kake) in einem Geist gegenseitigen Vertrauens aus.

Die gesamte Nage no Kata ist als eine fortlaufende Entwicklung zu verstehen, bei der Uke seine Angriffe ständig verändert. Das zwingt Tori wiederum, fortwährend neue Verteidigungen anzuwenden.

Tori und Uke sind in diesem stilisierten Zweikampf als technisch gleichwertige Partner zu betrachten. Uke greift stets ernsthaft und kraftvoll ann. Tori begegnet diesen Angriffen genauso entschlossen, tatkräftig und wirkungsvoll. Dabei vermeiden beide alle unnötigen Bewegungen.

Ukes Angriff folgt Toris Nachgeben sowie das Aufnehmen, Weiterführen und Umlenken der Angriffsbewegung (Brechen der Angriffsinitiative). Tori leistet keinen unmittelbaren Widerstand.

Uke darf die Zusammenarbeit mit Tori nicht vorwegnehmen und sich selbst zum bloßen Springer herabstufen.

Beide achten bei ihrer Vorführung sorgfältig auf paarweises Greifen, gleichzeitige Bewegung in die Technik bzw. gleichzeitiges Zusammentreffen bei den Schlagangriffen und erreichen dadurch, durch technische Perfektion und einen kontrollierten Abschluss (Zanshin) eine Ausgeglichene, harmonische Darstellung.

Es gibt drei grundlegende Situationen in der NNK – sie stehen repräsentativ für alle Situationen, in denen Wurftechniken angewendet werden können.

  1. Uke kommt nach vorne und greift
    (Uki-otoshi, Kata-guruma, Harai-goshi, Tsuri-komi-goshi, Sasae-tsuri-komi-ashi, Yoko-gake)
  2. Uke kommt nach vorne und wird geworfen, ohne vorher gegriffen zu haben
    (Seoi-nage, Uki-goshi, Ura-nage, Yoko-guruma)
  3. Uke greift, aber macht (noch) keine weiteren Anstalten für einen Angriff
    (Okuri-ashi-barei, Uchi-mata, Tomoe-nage, Sumi-gaeshi, Uki-waza)

In keiner anderen Kata des Kodokan wiederholen sich die Angriffe Ukes so oft wie in der Nage-no-Kata. Der Grund hierfür ist, dass es in der Nage-no-Kata darum geht zu studieren, wie die Bewegungen Ukes zu einem Gleichgewichtsbruch weitergeführt werden und letztlich mit unterschiedlichen – repräsentativen – Wurftechniken abgeschlossen werden können. Man kann nun die enthaltenen Situation ganz einfach ordnen und Toris Kernaufgabe ableiten:

  • Uke bewegt sich nicht – Tori muss für Ukes Bewegung „sorgen“
    (ziehen, drücken, schieben –> Nachgeben geht nicht, weil es nichts gibt, dem man nachgeben könnte.)
  • Uke bewegt sich während beide gefasst haben – ein „klassisches“ Siegen durch Nachgeben, bei dem Tori einen Griff hat, um das Gleichgewicht brechen zu können.
  • Uke kommt auf Tori zu, greift aber nicht (sondern schlägt) – Tori muss das Gleichgewicht Ukes brechen, ohne vorher gefasst zu haben.

Diese drei Situationen sind für ein sehr, sehr weites Feld von Anwendungssituationen von Wurftechniken repräsentativ. Jede diese Situation kann vielfältig variiert und mit Beispielen gefüllt werden, auf die die Prinzipien des effektiven Gleichgewichtsbruchs übertragen werden können.

Die Auswahl der Techniken ist ebenfalls sehr repräsentativ. In jeder Gruppe wurden z.B. sehr unterschiedliche Vertreter ausgewählt:

  1. Te-waza:
    • von minimalem über
    • mittleren bis
    • großem Körperkontakt
    • „otoshi“ (Niederwurf ist ein blöde Übersetzung) über ein
    • „über sich ziehen“ zum
    • hohen Ausheben
  2. Koshi-waza
    • zweibeiniges
    • einbeiniges Werfen
    • tief Ausheben und
    • kurz abkippen
  3. Ashi-waza
    • fegen
    • stoppen
    • heben mit dem Wurfbein
  4. Ma-sutemi-waza
    • aktiv unter Uke gehen
    • mit dem eigenen Gewicht von Uke wegfallen lassen
    • mit und ohne Fuß am Gegner werfen
  5. Yoko-sutemi-waza
    • mit und ohne Fuß am Gegner werfen
    • mit dem Gewicht vom Gegner wegfallen lassen
    • in den Gegner hinein rotieren

Die Nage-no-Kata ist in Ihrer Mehrdimensionalität, der Repräsentativität ihrer Techniken und der Situationen, in denen die Techniken gemacht werden und in ihrem Wert für die technische Entwicklung sowie ihrem Wert als Übungsform für Körper und Geist ein kleines Kunstwerk:

  1. Te-waza (Handwürfe)
    • Seoi-nage
    • Uki-otoshi
    • Kata-guruma
  2. Koshi-waza (Hüftwürfe)
    • Uki-goshi
    • Harai-goshi
    • Tsuri-komi-goshi
  3. Ashi-waza (Fußwürfe)
    • Okuri-ashi-barai
    • Sasae-tsuri-komi-ashi
    • Uchi-mata
  4. Ma-sutemi-waza (Gerade Opferwürfe)
    • Tomoe-nage
    • Ura-nage
    • Sumi-gaeshi
  5. Yoko-sutemi-waza (Seitliche Opferwürfe)
    • Yoko-gake
    • Yoko-guruma
    • Uki-waza

Katame no Kata

固の形 ( Form der Kontrolle/Bodentechniken )

Die Katame No Kata bildet mit der Nage no Kata (und auch je nach Betrachtungsweise auch Gonosen no Kata) zusammen die Randori no Kata. Mit der Katame no Kata werden die grundlegenden Prinzipien des Bodenkampfes vermittelt.

Diese Kata dokumentiert den Übergang vom Ju jutsu zum Judo im Bereich der Haltegriffe, Würgen (z.B. Sitzhaltung von Uke bei Hadaka jime, Okuri eri jime, Kata ha jime) und Hebel (z. B. Ashi garami). Kano Shihan hat Ude hishigi hiza gatame und Ashi garami, zu Zeiten der Ju jutsu-Kämpfe sehr beliebte und erfolgreich angewendete Techniken, in Erinnerung an seine Meister der Tenjin shin‘yo ryu in diese Kata aufgenommen.

Katame no Kata setzt sich vom Aufbau her aus drei miteinander verflochtenen Kata zusammen:

Hairi Kata: Form des Eingehens; Methode, mit der ein Judoka die Voraussetzung für Wurf-, Tritt oder Grifftechniken schafft. Dieser Bereich umfasst u.a.:

1. das Einnehmen einer offenen hohen Kniestellung (Taka kyoshi no kamae oder Kyoshi oder Kurai dori)

2. die Annäherung im Shikko ashi (auf den Knien rutschen)

3. die ruhige und sorgfältige Vorbereitung des Angriffs bis zur Herstellung der erforderlichen Kontaktpunkte

Katame no Kata: Die eigentliche dynamische und wirkungsvolle Immobilisierung durch Osaekomi waza, Shime waza und Kansetsu waza. Tori muss dabei:

1. seinen Körperschwerpunkt so niedrig wie möglich halten, eigene Stützpunkte schaffen und Ukes Stützen angreifen

2. Ukes Kopf bei jeder Technik gut kontrollieren, um zu verhindern, dass er diesen bei Befreiungen einsetzt

3. engen Körperkontakt halten, Ukes Atmung erschweren und seinen Krafteinsatz auf Ukes Schwachpunkte konzentrieren

4. seinen gesamten Körper einschließlich der Arme und Beine zur ständigen Kontrolle einsetzen und Rotationsachsen blockieren,

5. sich immer etwas schneller bewegen als Uke und letztlich

6. Uke sicher unbeweglich machen

Nogare Kata: Form der Befreiung, insbesondere bei den Haltegriffen. Uke verteidigt sich durch kräftige, wenig zurückhaltende Angriffe gegen die Schwachpunkte von Toris jeweiliger Technik, die ihn unbeweglich machen soll.

Osae komi waza: Uke unternimmt je Haltegriff jeweils drei wirklichkeitsbezogene und deutlich voneinander unterscheidbare Befreiungsversuche, die aufgrund einer Handlungskette sinnvoll aufeinander aufbauen (actio: reactio; wenn…, dann …). Tori korrigiert ständig seine Haltung entsprechend den Befreiungsversuchen von Uke.

Shime waza und Kansetsu waza: Uke unternimmt lediglich einen Befreiungsversuch.

(Quelle: DJB Dan PO Begleitskript)

Die Katame no Kata besteht aus drei Gruppen mit jeweils fünf Techniken, die genau in dieser Reihenfolge ausgeführt werden:

  • Katame-Waza (Haltegriffe)
    • Kuzure-Kesa-Gatame (Schärpe oder Kissen)
    • Kata-Gatame (Kontrolle der Schulter)
    • Kami-Shiho-Gatame (Halten vom Kopf her)
    • Yoko-Shiho-Gatame (Halten von der Seite)
    • Kuzure-Kami-Shiho-Gatame (Halten vom Kopf her als Variante)
  • Shime-Waza (Würgetechniken)
    • Kata-Juji-Jime (Würgen über Kreuz)
    • Hadaka-Jime (freies Würgen)
    • Okuri-Eri-Jime (Würgen mit Hilfe des Revers)
    • Kataha-Jime (Würgen mit festlegen des Arms oder Schulter)
    • Gyaku-Juji-Jime (Würgen über Kreuz als Variante)
  • Kansetsu-Waza (Hebeltechniken)
    • Ude-Hishigi-Ude-Garami (Gebeugter Armhebel)
    • Ude-Hishigi-Juji-Gatame (Hebel am gestreckten Arm)
    • Ude-Hishigi-Ude-Gatame (Arm Drehstreckhebel)
    • Hiza-Gatame (Knie bzw. Beinhebel)
    • Ashi-Garami (Hebel am Knie/Bein)

Gonosen No Kata (Nage waza ura no Kata)

(Form der Gegenwürfe)

Das offizielle Kodokan-Lehrprogramm enthält keine Go no sen no Kata

Deshalb bietet sich u.a. folgende diese Kata an: Go no sen no Kata von Kyuzo Mifune (Nage waza ura no Kata) Diese Kata, die im Drei-Schritt-Rhythmus in Form von Tsugi ashi ausgeführt wird, ähnelt insoweit der Nage no Kata und umfasst u.a. auch Gegenwürfe zu den ersten drei Gruppen dieser Kata. Kano Shihan beabsichtigte im Jahre 1938 diese von Kyuzo Mifune, 10. Dan, entwickelte Form in das Kata-Programm des Kodokan aufzunehmen. Zu dieser Zeit bereitete er sich jedoch eingehend auf die Sitzung des IOC im März 1938 in Kairo vor, auf der die Vergabe der Olympischen Spiele 1940 nach Tokyo beschlossen werden sollte. Auf der Rückfahrt nach Japan verstarb Kano jedoch an Bord der Hikawa Maru an Lungenentzündung. Seine Nachfolger an der Spitze des Kodokan haben diese, wie auch andere Kata, jedoch nicht mehr eingeführt. Gleichwohl wird sie noch an verschiedenen Dojo und der Meiji-Universität unterrichtet.  

  • Te waza
    • Tai-otoshi gegen Uki-otoshi
    • Yoko-guruma gegen Seoi-nage
    • Sumi-gaeshi gegen Kata-guruma
    • Ko-tsuri-goshi gegen Tai-otoshi
    • O-guruma gegen Obi-otoshi
  • Ashi-waza
    • Tsubame-gaeshi gegen Okuri-ashi-barai
    • Hiza-guruma gegen Ko-uchi-gari
    • O-uchi-gari-gaeshi gegen O-uchi-gari
    • Sumi-otoshi gegen Sasae-tsurikomi-ashi
    • Tai-otoshi gegen Uchi-mata
  • Koshi waza
    • Kari-gaeshi gegen Hane-goshi
    • Ushiro-goshi gegen Harai-goshi
    • Utsuri-goshi gegen Han-goshi
    • Yoko-wakare gegen Uki-goshi
    • Ippon-seoi-nage gegen O-goshi

(Quelle: DJB Dan PO Begleitskript)

Go no sen ist eine von drei grundlegenden Strategien, die frei übersetzt werden kann mit Kontern. Kano unterschied hier drei Stufen von kämpferischen Handlungen:

  1. go no sen: die späte Form der Angriffshandlung, gewöhnlich charakterisiert als Verteidigungsbewegung oder Konteraktion
  2. sen: die Angriffshandlung, die gleichzeitig auch Verteidigung ist, aber gleichzeitig mit dem gegnerischen Angriff stattfindet
  3. sen-sen no sen: die vorgeschaltete Angriffshandlung, ebenfalls defensiv aber augenscheinlich um offensiv zu sein, durch die Antizipation der gegnerischen Handlung

Hier kann man ein Video zur Nage Ura No Waza downloaden (mit Ochiai Sensei, dem momentan hochrangigsten Lehrer dieser Kata).


Kodokan Goshin jutsu

(Kodokan Selbstverteidigungstechniken)

Bei der Ausgestaltung dieser Kata stand die Erkenntnis im Vordergrund, dass es praktisch unmöglich ist, sich gegen einen Angreifer wirksam zu schützen, wenn der Verteidiger nicht selbst bestimmte, grundlegende Verhaltensweisen beherrscht und besondere Reflexe entwickelt hat. Auch mit einem vollkommenen Wissen über die verschiedenen Verteidigungsbewegungen gegen die unterschiedlichen Angriffe ist es sonst unmöglich, sich wirksam zu verteidigen. Denn zum einen weiß der Angreifer stets im Voraus, welchen Angriff er anwenden wird. Zum anderen hat er die entsprechenden Fertigkeiten für seine Lieblingstechnik ebenso automatisiert, wie der Judoka seine bevorzugte Technik (Tokui waza). Der Verteidiger sieht sich somit zwangsläufig einer übergroßen Zahl möglicher Angriffe gegenüber, aufgrund derer er Gefahr läuft, seine Konzentration zu verlieren und das große Wagnis falscher Abwehrreaktionen einzugehen.

Bei all seinen Abwehrhandlungen achtet Tori immer darauf:

1. selbst eine stabile Stellung zu bewahren (Prinzip des Shizen tai oder der natürlichen Stellung)

2. auf eine geschmeidige Art und Weise auszuweichen oder zu verteidigen, ohne jemals auf die Angriffe mit Kraft gegen Kraft zu antworten (Prinzip des Yawara, d. h. Ju oder der Geschmeidigkeit)  

3. das gegnerische Gleichgewicht zu zerstören, zumindest aber die gegnerische Stellung zu schwächen (Prinzip des Kuzushi, Gleichgewicht zusammenbrechen lassen)

Im Randori fängt der Judoka grundsätzlich mit dem Griffkampf (Kumi kata, Form des Greifens) an und stellt damit Kontakt zum Partner her, im Allgemeinen mit Griff am Ärmel und Kragen, um eine Technik anzuwenden, nachdem er den Verlust des gegnerischen Gleichgewichts herbeigeführt hat.

In der Selbstverteidigung ist dagegen die Kenntnis des Abstands, wie zwei Personen sich einander nähern und aus welcher Richtung, wie sie zufassen, wie sie mit der Faust schlagen und dem Fuß treten usw. in bestimmten Fällen wichtiger, als die Techniken der Selbstverteidigung selbst. Deshalb steht in der Kodokan goshin jutsu die Position im Vordergrund, die Rikaku (entfernt) genannt wird.

Für Tori ist es stets wichtig, eine Stellung einzunehmen, die verhindert, dass er besiegt wird. Sie muss ihn zugleich befähigen, in jedem Augenblick zweckmäßig zu handeln und eine in den Händen und Füßen konzentrierte Kraft zu nutzen. Dabei ist es das Wichtigste für ihn, sich vollständig aufrecht zu halten und den Gegner gut zu beobachten. Deshalb steht er stets vollkommen gerade, fest und zugleich geschmeidig in einem dynamischen Gleichgewicht, so dass er jederzeit entsprechend den Erfordernissen agieren oder reagieren und sich auf die folgenden Angriffe vorbereiten kann. Dabei hält er den Nacken gerade und sieht Uke unmittelbar ins Gesicht. Seine Augen müssen alle Bewegungen Ukes erfassen.

(Quelle: DJB Dan PO Begleitskript)

  • Verteidigung gegen Angriffe im Nahkampf
  • ryōte dori (Greifen mit beiden Händen)
  • hidari eri dori (Ergreifen des linken Revers)
  • migi eri dori (Ergreifen des rechten Revers)
  • kata ude dori (Ergreifen eines Armes)
  • ushiro eri dori (Griff von hinten in den Kragen)
  • ushiro jime (Würgen von hinten)
  • kakae dori (Umklammerung von hinten)
  • Verteidigung gegen Angriffe ohne engen Körperkontakt
  • naname uchi (Seitlicher Fausthieb)
  • ago tsuki (Faustschlag gegen Kinn)
  • gammen tsuki (Faustschlag in das Gesicht)
  • mae geri (Tritt von vorn in den Unterleib)
  • yoko geri (Seitlicher Fußtritt)
  • Verteidigung gegen Angriffe mit dem Messer
  • tsukkake (Abwehr gegen Messerziehen)
  • choke tsuki (Gerader Messerstich in den Bauch)
  • naname tsuki (Seitlicher Messerstich in den Hals)
  • Verteidigung gegen Angriffe mit dem Stock
  • furi age (Schlag mit erhobenem Stock)
  • furi oroshi (Beidhändiger Schlag mit erhobenem Stock seitlich zur Schläfe)
  • morote tsuki (Stoß mit dem Stock in die Magengegend)
  • Verteidigung gegen Angriffe mit der Pistole
  • shomen zuke (Bedrohung von vorn)
  • koshi ga mae (Bedrohung aus der Hüfte)
  • haimen zuke (Bedrohung von hinten)

Ju no Kata

柔の形 (Form des Nachgebens od. der Geschmeidigkeit)

Jigoro Kano stellte im Jahr 1887 die Ju no Kata als Kodokan-Kata vor. Er entwarf die geschmeidigen, fließenden Bewegungsabläufe, um die Grundlagen von Angriff und Verteidigung zu lehren.

Das Augenmerk ist dabei auf die eigenen Bewegungen und vor allem auf die verschiedenen Stadien des Erhalts und der Wiedergewinnung des eigenen sowie die Zerstörung des gegnerischen statischen und dynamischen Gleichgewichts gerichtet (Sichern des äußeren und inneren Gleichgewichts durch Konzentration auf das eigene Körperzentrum als Voraussetzung für erfolgreiche Judotechnik).

Die Ju no Kata erleichtert es dem Judoka, durch die harmonische Verbindung mit den Angriffen und Verteidigungen des Partners Atmung und Technik zu schulen und die Grundlagen und Bewegungen des Judo zu erfahren (Kata als Mittel zum Bewegungslernen). Uke und Tori arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander und lernen auf diese Weise voneinander (Moralisches Prinzip des Judo, d.h. gegenseitige Hilfe zu beiderseitigem Wohlergehen; Ji ta kyo ei). Das Üben in gesammelter Aufmerksamkeit schult sowohl den Geist als auch den Körper.

Mit ihren stilisierten Angriffen und durch die ausgeprägte Darstellung des Nachgebens als Mittel der Verteidigung führt die Ju no Kata Theorie und Praxis zusammen. Sie fördert das allgemeine, judospezifische und aufgabenorientierte Gleichgewichtsgefühl sowie im Besonderen das Orientierungsvermögen.

Die langsam fließenden Aktionen und Reaktionen erfordern ein hohes Maß an Genauigkeit. Der Handlungsablauf stärkt die körperliche und geistige Konzentration sowie die Sensibilität des Körpers für Zeit und Raum, lenkt die Aufmerksamkeit durch gleichsam meditative Bewegungsübung nach innen und gleicht Anspannung und Entspannung aus, indem er Geschicklichkeit zum Vernichten von Gewalt nutzt. Dadurch entwickeln sich körperliche und geistige Gelassenheit sowie entspannte Wachsamkeit und innere Ruhe.

Weil Ju no Kata verschiedene natürliche, effektive Bewegungen enthält, Bewegungen wie Beugen, Dehnen und Drehen (Tai sabaki) ist sie sehr wirkungsvoll, um den Körper rundum zu entwickeln und in einen guten konditionell-technischen Zustand zu bringen. Ju no Kata lockert das Rückgrat und die Schultern und macht sie beweglich und stärkt zugleich die Muskeln des Rumpfes und der Beine. Die Wirkung des Dehnens und Kräftigens wird insbesondere durch Halten der Endposition erreicht. Ju no Kata weist einen weiteren Vorteil auf. Frauen und Männer, Junge und Alte mit oder ohne Judogi können sie ausüben. Der Kodokan hat Ju no Kata zuletzt im Jahre 1996 überarbeitet und standardisiert.

Allgemeines zur Darstellung: Uke und Tori tragen die gesamte Kata sowohl in Angriff als auch in Verteidigung in einem gleichmäßigen, unveränderlichen Rhythmus und ohne Unterbrechung mit weichen langsam fließenden jedoch keinesfalls schlaffen Bewegungen bis zur Aufgabe (maitta) vor.

Im zielstrebigen Gegeneinander der Aktionen von Uke und Tori geht Genauigkeit vor Schnelligkeit und Krafteinsatz. Uke greift zwar langsam aber doch deutlich mit ernsthaften Stößen, Drehungen, Griffen und Stichen an, die ein wirksames Maß an Kraft und Willen erkennen lassen.

Tori achtet stets darauf, Ukes Angriffen nicht zu früh auszuweichen. Er leitet die gegnerische Kraft weiter und um und verdeutlicht die Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit seiner Bewegungen. Dabei wendet er Tai sabaki (Körperdrehungen) in der Art und Weise an, wie ein Torero einem Stier im letzten Augenblick mit Geschicklichkeit und List und stets selbst im Gleichgewicht ausweicht.

Tori zielt letztlich darauf ab, Ukes Beweglichkeit unter Wahrung der eigenen Stabilität erkennbar einzuschränken und ihn so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass er sich in der Endphase nicht mehr oder nur noch wenig bewegen kann. Tori und Uke ergreifen niemals den Stoff des Judogi. Beide fassen kraftvoll und fest wie eine Kinderhand zu, die sich an die Form des gehaltenen Gegenstandes anpasst.

Ukes Aufgabezeichen besteht aus einmaligem Abschlagen oder einem kurzen Zurücksetzen des rechten oder linken Fußes.

Sie beinhaltet 15 Bewegungsabläufe in 3 Gruppen

  • Ikkyo (erste Stufe)
    • Tsuki-Dashi (Stoßen mit der Hand)
    • Kata-Oshi (Drücken gegen die Schulter)
    • Ryote-Dori (Ergreifen beider Hände)
    • Kata-Mawashi (Schultern drehen)
    • Ago-Oshi (Drücken gegen das Kinn)
  • Nikyo (zweite Stufe)
    • Kiri-Oroshi (Schädel mit der Waffe spalten)
    • Ryokata-Oshi (beide Schultern niederdrücken)
    • Naname-Uchi (schräger Schlag gegen die Schläfe)
    • Katate-Dori (Ergreifen einer Hand)
    • Katate-Age (Hochheben einer Hand zum Schlag)
  • Sankyo (dritte Stufe)
    • Obi-Tori (Ergreifen des Gürtels)
    • Mune-Oshi (Drücken gegen die Brust)
    • Tsuki-Age (Kinnhaken)
    • Uchi-Oroshi (Schlag von oben auf den Kopf)
    • Ryogan-Tsuki (Stich in die Augen)

Kime no Kata

極の形 (Form der Entscheidung)

Das Verstehen und die Ausführung dieser Kata setzt ein gutes Wissen um alle Techniken des Judo, insbesondere des Würgens und der Hebel und ebenso der Selbstverteidigung durch Tritt- und Schlagtechniken voraus. Beim Studium der Kata der Entscheidung ist folgendes zu beachten:

Auf Ukes Angriffe reagiert Tori durch:

1. Abwehren (Weiter-, Umleiten, Auffangen, Abfangen) und/oder dem Angriff ausweichen (Tai sabaki)

2. Schlagen oder Treten (Atemi waza oder Ate waza), wobei ein Schrei (Kiai) ausgestoßen wird, um den Gegner zu erschüttern

3. Ausführen des endgültigen Atemi, Werfen oder Übernahme der Kontrolle, sei es durch Hebeln der Gelenke (Kansetsu waza), sei es durch Würgen (Shime waza)  

Tori ergreift niemals die Initiative. Er wartet gelassen, den Körper entspannt, aber mit ständig wachsamem Geist (Zanshin, d.h. „sechster Sinn“) und unternimmt nichts, als auf den Angriff Ukes mit aller Entschiedenheit zu reagieren.

Auf diese Weise ergibt sich folgender Rhythmus für die Kime no kata:  

1. Tori und Uke konzentrieren sich vor jeder Technik während einiger Sekunden

2. Uke greift plötzlich und heftig an

3. Tori wehrt noch schneller und entschiedener ab und verteidigt

4. Tori beherrscht Uke während einiger Augenblicke völlig

5. Dann gibt Uke durch zwei- oder mehrmaliges Abklopfen auf; ausgenommen in den Techniken, die mit einem Wurf, einem Stoß (Schlag) oder Tritt abschließen  

Kime no Kata ist die Kata des wirklichen Kampfes (Shinken shobu no kata), deren Atmosphäre durchdrungen ist von jenem „Geist der Entscheidung“ (Kime), der eine Technik beseelen muss, wenn es das angestrebte Ziel ist, die lebenswichtigen Punkte des Gegners anzugreifen, um ihn sicher zu besiegen.

(Quelle: DJB Dan PO Begleitskript)

  • Idori (kniend)
    • Ryote Dori (Griff beider Hände)
    • Tsuki Kake (Magenstoß)
    • Suri Age (Stirngriff)
    • Yoko Uchi (Schlag von der Seite)
    • Ushiro Dori (Umklammerung von hinten)
    • Tsukikomi (Messerstich gegen den Magen)
    • Kiri Komi (Messerstich von oben)
    • Yoko Tsuki (Messerstich von der Seite)
  • Tachiai (stehend)
    • Ryote Dori (Griff beider Hände)
    • Sode Tori (Ärmelgriff)
    • Tsuki Kake (Magenstoß)
    • Tsuki Age (Kinnhaken)
    • Suri Age (Stirngriff)
    • Yokouchi (Schlag von der Seite)
    • Ke Age (Fußtritt)
    • Ushiro Dori (Umklammerung von hinten)
    • Tsuki Komi (Messerstich gegen den Magen)
    • Kirikomi (Messerstich von oben)
    • Nukikake (Abwehr eines Schwertangriff (beim Ziehen)) Kirioroshi (Abwehr eines Schwertangriff)

Itsutsu no Kata

五の形 (Form der 5)

Die Zahl fünf ist im asiatischen Raum sehr bedeutungsträchtig. Sie hat in der chinesischen und japanischen Philosophie einen tiefen Sinn. Für Chinesen und Japaner bestand der Kosmos und alles in ihm aus fünf eher abstrakten Elementen (China: Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde; Japan: Feuer, Wasser, Wind, Erde, Leere, d.h. Weltall).

Nach eingehendem Studium der Lehrsysteme alter Ju jutsu-Schulen, insbesondere der Tenjin shin’yo ryu, hatte Kano die Überzeugung gewonnen, dass er die fünf (Itsutsu) Prinzipien gefunden habe, die alle kriegerischen Künste beherrschten. Er setzte diese Elemente in Bezug zu den Kräften, die das Wasser in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen entfalten kann.

Ippon me      Fortwährender Angriff bringt auch gegen starke Kraft den Sieg (fließendes, sich stauendes Wasser).

Nihon me       Die Angriffsenergie des Gegners gebrauchen (umleiten), um ihn zu besiegen (stürmische Welle), d.h. Siegen durch Nachgeben.  

Sanbon me    Wirbelwind oder Wasserstrudel, bei dem der innere Ring den äußeren kontrolliert.   Yonhon me    Kraft der Gezeiten, die alles von der Küste in den Ozean ziehen will, wie groß es auch sein mag (Sog einer großen Welle).  

Gohon me      Prinzip des Nachgebens: Wenn unbegrenzte Kräfte zusammenzuprallen drohen, ausweichen, um zu vermeiden, dass alles vernichtet wird (Wirkung einer großen Welle, die über einen hinweg brandet).

Jigoro Kano hat von seiner Itsutsu-no-kata im Hinblick auf ihren symbolischen Gehalt gesagt, dass sie das „Herz des Judo“ enthalte. Sie stellt eine Beziehung her zwischen dem Mikrokosmos (dem Innersten des Menschen) und dem Makrokosmos (Universum).

Daher stellt die Itsutsu no Kata an Tori und Uke auch außergewöhnliche Anforderungen, wenn es ihnen gelingen soll, mit der beeindruckenden Kraft ihrer symbolischen Bewegungen, durch flüssige Darstellung und innere Konzentration eine deutliche Stimmung der Harmonie zu erzeugen, um die entsprechenden Prinzipien zu verkörpern.

(Quelle: Begleitskript zur DJB-Dan-PO)


Koshiki no Kata

古式の形 (Form der antiken Techniken)

Diese Kata führt zurück zur Kito ryu, einer der ältesten, berühmtesten und angesehensten .Ju Jitsu-Schulen des japanischen Feudalzeitalters, und damit zu einer der Wurzeln, aus denen Kano Jigoro viele seiner Techniken entlehnte, die im heutigen Kodokan-Judo ihre weitergehende Ausprägung erfahren haben.

Den Lehren der Kito-Schule lagen vor allem die Prinzipien des Wa (Harmonie, Einklang, Flüssigkeit) und des Ju (Biegsamkeit, Weichheit, Geschmeidigkeit). Die Ryu verfolgte aber auch höhere, erhabenere, esoterische und geistige Ziele, sich selbst in den Einklang mit dem Universum zu bringen. Professor Keno war einer der letzten Schüler der Kito-Ryu, der aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten noch in die geheimen Lehren dieser Schule eingeweiht wurde. Die Techniken der Kito-Ryu wurden schnell, fließend und unmittelbar ausgeführt und beruhten in ihrer Wirksamkeit vor allem auf dem Freisetzen der inneren Energie. lm Vordergrund der Nage waza standen schleudernde und Opferwürfe (sutemi waza). Diese Kata hat Kano aus den fünf Kata der Kito-Schule zusammengestellt, weshalb sie auch Kito ryu no kata, Kata der Kito-Schule, genannt wird. Kano hat sie im Wesentlichen unverändert übernommen, vor allem, um mit diesen Formen das Gedenken an seine eigenen Lehrer wachzuhalten und an die auf diesem Wege überlieferten uralten, kriegerischen Ursprünge des Ju Jitsu und Judo zu erinnern.

Auch der Begründer des modernen Aikido, Morihei Ueshiba hat lange Jahre ebenso Ju Jitsu an der Kito ryu studiert wie Kenji Tomiki, der ebenfalls eine in Japan und Amerika berühmte Aikidoschule ins Leben rief. Solange Jigoro Kane lebte, war diese Kata seine Lieblingskata, die er als Tori in einen feierlichen schwarzen Hakama gekleidet mit seinen Schülern Yamashi-ta Yoshioka (10. Dan) und lsogai Haji-me (10. Dan) demonstrierte. Koshiki no Kata stellt ein wesentliches Bindeglied zwischen dem alten Ju Jitsu und dem modernen Judo dar Ihre Techniken bauen auf den Erfahrungen auf, welche die Berufskrieger (Samurai) auf den Schlachtfeldern im Kampfgetümmel des Nahkampfes (kumi uchi) über Jahrhunderte hinweg gesammelt hatten, wenn sie sich im tödlichen Kräftemessen nach dem Verlust ihrer Waffen mit bloßen Händen gegenüber standen. Die kräftigen Beinschienen, abnehmbaren Schenkelpanzer, metallbeschlagenen Ärmel, der aus Eisenlamellen gefertigte Leibpanzer, die breiten Schulterklappen, der eiserne Kragen mit metallener Latz, die grimmige Maske aus lackiertem Eisen und ein Helm mit Schirm und eisengepanzertem Nackenschutz (shikorol) ließen leichtfüßiges Ausweichen und flinkes Handeln nur in sehr eng begrenztem Maße zur Diese schweren Rüstungen der Feudalzeit(yoroi) boten zudem im Kampf Mann gegen Mann nur ganz bestimmte, eingeschränkt wirksame Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten. In dieser Kata besteht die große Schwierigkeit für Tori und Uke vor allem darin, durch vornehme Haltung, Wachsamkeit, große innere Ruhe, Konzentration auf das Wesentliche, Harmonie und fast feierliche Gesten die Atmosphäre des echten Kampfes zu schaffen.

Diese Kata umfasst insgesamt 2 Angriffe und Verteidigungen, die in zwei Gruppen, Omote und Ura, gegliedert sind. Omote (von vorn, auf der Stelle, positiv; erkennbar; grundlegend im übertragenen Sinne) umfasst 14 Techniken, die einem gemessenen Rhythmus folgend, mit deutlichen Pausen zwischen den Würfen dargestellt werden Jeweils zwei Techniken sind komplementär miteinander verbunden. Uke versucht, Tori nach erfolglosem erstem Angriff mit einer ähnlichen zweiten Attacke zu bedrängen. Tori und Uke bewegen sich entsprechend dem Gewicht der Panzer, in die sie aktiv eingekleidet sind, mit Ernsthaftigkeit, ein wenig steif, würdevoll und unerschütterlich wie ein schwerer Stein und folgen fast feierlich einem langsamen Rhythmus. Das Tai sabaki der Vorführenden erscheint starr und künstlich, vergleichbar dem Vorrücken eines Automaten. Die zweite Gruppe, Ura (nach hinten, Rückseite, negativ; verborgen), umfasst sieben Handlungen, die sich im Gegensatz zu der ersten Serie in schnellerer Ausführung ununterbrochen und ohne unnützen Zeitverlust aneinander reihen. Tori und Uke haben sich ihrer imaginären Rüstungen für die Ausführung dieser Techniken entledigt.

Koshiki no kata verdeutlicht das Prinzip des lu. Körperbewegungen und Krafteinsatz werden ohne Anstrengung ausgeführt und versetzen Tori in die Lage, Uke unter Kontrolle zu bringen, ohne gegen dessen Kraft anzukämpfen. Die grundlegenden Techniken für das Verständnis dieser Kata ist die Kenntnis der Prinzipien von Tai (Haltung des Aufbruchs, d. h. gerüstet sein für die folgenden Angriffe Ukes) und Yume no uchi. Sie lehren sowohl, dass wenige Wurfprinzipien auf viele Arten und Weisen erfolgreich angewendet werden können (z. B. Yoko wakare in den unterschiedlichsten Anwendungsformen sowohl als Yoko sutemi waza als auch als Ma suterni waza) als auch äußere Gelassenheit als auch innere Ruhe. Die Persönlichkeiten von Tori und Uke drücken sich in dieser Kata vor allem in ihrer Haltung, die durch den Schwerpunkt bestimmt ist, in ihrem Atemrhythmus und in dem Verhältnis von Spannung und Entspanntheit aus.

Die Theorie der Beziehungen zwischen Geist und Körper lehrt, dass körperliche Ruhe (zu der die Grundstellung Tai beiträgt) unmittelbar zur geistigen führt und umgekehrt. Wenn die Haltung ruhig ist, ist auch der Geist ausgeglichen, Die alten Meister betrachteten deshalb Angst, Zweifel, Hast und Unruhe als die vier Grundübel, die das innere Gleichgewicht wesentlich stören, Sie strebten daher unter anderem auf der Grundlage der Ausübung der kriegerischen Künste einen gelassenen Zustand des Geistes an, der durch nichts erschüttert werden konnte (muga mushin: kein lch, kein Gedanke; zanshin: allzeit flinke Kampfbereitschaft)

(Quelle: Klaus Hanelt, ehemaliger DJB-Katabeauftragter)


Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku no Kata

Dieser Artikel wurde von Sensei Tom Herold geschrieben.


Diese von KANO Jigoro geschaffene Kata ist eine der interessantesten Formen des Kodokan Judo. In ihr finden sich viele Bewegungen, die hervorragend geeignet sind, die Essenz des Kodokan Judo zu illustrieren. Die korrekte Übersetzung des Namens Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku lautet: System der nationalen Erziehung gemäß dem Prinzip der maximalen Wirkung durch perfektes Ausnutzen der Energie.

Dieser Name bedarf natürlich einer Erklärung. KANO Jigoros Interesse galt auch und vor allem der Didaktik und Methodik der Leibeserziehung der japanischen Jugend. Diese Haltung begründet sein reges Interesse an der Förderung des Sports (nach westlichem Vorbild) in Japan. KANO sah es zudem als selbstverständlich an, daß eine „nationale Leibeserziehung“ in gewissem Sinne als vormilitärische Ausbildung zu erfolgen habe. In dieser Hinsicht wird deutlich, daß KANO Jigoro eben auch ein konservativer, japanischer Nationalist war – wenngleich er diese Haltung mit einer gewissen Weltoffenheit zu verbinden wusste.

Während sportliche Betätigung im feudalen Japan und auch noch zu Beginn der Meiji-Ära als ausschließliche Aktivität einer intellektuellen Elite galt, wurde der praktische Nutzen einer geregelten Leibeserziehung in einer sich modernisierenden Gesellschaft schnell augenfällig. Es stellte sich natürlich die Frage, welche Form diese Leibeserziehung anzunehmen hatte, um den erwarteten Nutzen zu gewährleisten. Verschiedene Versuche, etwa das Turnen (Baelz) oder die sogenannte „schwedische Gymnastik“ (in Japan von KAWASE Motokuro populär gemacht) als Ersatz für die „militärische Ertüchtigung“ (Gakusei) einzuführen, waren gescheitert. Als Direktor der „Höheren Lehrer-Bildungsanstalt“ und als hochrangiges Mitglied des japanischen Erziehungsministeriums sah sich KANO Jigoro daher mit der Frage konfrontiert, welchen Anforderungen eine „ideale“ Leibeserziehung zu genügen habe. Schlußendlich meinte KANO Jigoro, die Antwort in seinem Kodokan Judo gefunden zu haben. Er hatte stets betont, daß Kodokan Judo wesentlich mehr sei als eine bloße Kampfkunst. Nun erhielt er die Möglichkeit, dies unter Beweis zu stellen. Konsequent entwickelte er daraufhin eine von ihm vorher unter anderen Aspekten gelehrte Kata weiter. Diese Kata nannte er, um ihren Wert zu verdeutlichen Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku. Die Grundlagen dieser Kata sind in mehreren bereits im Jahre 1884 im Kodokan praktizierten, sehr effektiven Drills zu finden. An diesen Drills nahm KANO Jigoro einige den Gegebenheiten entsprechende Veränderungen vor und formalisierte sie zu einer regelrechten Kata. Diese erhielt zunächst den bezeichnenden Namen Koboshiki Kokumin Tai Iku (Nationale Leibesübung nach der Form des Angriffs und der Verteidigung), was eindeutig aussagt, zu welchem Zweck diese Form geschaffen wurde.

Im Jahre 1930 wurde dieser Name dann von KANO Jigoro in Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku abgeändert. Nach KANO Jigoros Auffassung stellte diese Form tatsächlich die ideale Leibeserziehung dar. Der Kodokan gab im Jahre 1928 sogar ein Buch heraus, in welchem die Form Koboshiki Kokumin Tai Iku mit vielen Erläuterungen veröffentlicht wurde. Zu Beginn des Jahres 1930 folgte eine weitere Publikation, in welcher die Form Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku ausführlich beschrieben wurde. Letztlich verschmolzen beide Formen, so daß man nur noch von der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku sprach.

Der Begriff des Koboshiki (Form des Angriffs und der Verteidigung) paßte in das Konzept der zunehmenden Militarisierung der japanischen Gesellschaft. Dieser Name gewährleistete nicht nur eine breite Akzeptanz dieser Art der Leibesertüchtigung, sondern auch die wohlwollende Unterstützung hochrangiger Militärs. Dennoch ersetzte KANO diesen Namen, und das aus gutem Grund. Der Begriff des Koboshiki kennzeichnet die rein technische Seite, also den Bezug zu den Kampfsystemen des feudalen Japan. KANO Jigoro aber lag viel daran, sich und sein Kodokan Judo von eben diesen Kampfsystemen abzugrenzen, auch wenn er sein Judo zu Recht als das Erbe dieser Systeme ansah. Er wollte jedoch verdeutlichen, wie sehr sich sein Kodokan Judo von den Kampfstilen des Koryu Jiu Jitsu unterschied. Er hatte zwar die Kampftechniken der alten Schulen übernommen, sie jedoch auf eine völlig neue, wissenschaftliche Grundlage gestellt. Diese neue Grundlage war das Prinzip des maximalen Nutzens bei minimalem Aufwand (Seiryoku Zenyo). Dadurch war es möglich geworden, neue Wege im Training zu gehen (siehe Randori usw.), und eben dadurch war das Kodokan Judo konkurrierenden Kampfsystemen überlegen. Dies alles wollte KANO Jigoro im Namen jener Kata ausdrücken, die seiner Meinung nach die ideale Form der Leibeserziehung war. Dazu merkt Niehaus an:

KANOS … System bedient sich zwar der technischen Elemente der Kampfkünste, die Konzeption als Ganzes hingegen steht auf der Basis des Prinzips der effektivsten Nutzung der Energie. Diese Verschiebung ermöglicht es zugleich, das System (der Leibeserziehung, Anm. d. Verf.) originär im Judo zu verankern: Denn für KANO war das Judo im weiten Sinne, also das Judo jenseits der sichtbaren Oberfläche, identisch mit dem Prinzip der effektivsten Nutzung der Energie. So kann KANO schließlich konstatieren, dass die nationalen Leibesübungen nach dem Prinzip der effektivsten Nutzung der Energie aus dem Judo im weiten Sinne entstanden seien.

Der Nutzen dieser Kata liegt auch heute noch in der unglaublichen Vielfalt der Möglichkeiten ihrer Interpretation. Wenn man Kodokan Judo (auch) als System der Körpererziehung begreift, dann werden die Bedeutung und der Nutzen der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku augenfällig. Durch das intensive Üben dieser Kata entwickelt der Judoka nicht nur Körperkraft. Die ständigen Wiederholungen der vorgeschriebenen Bewegungsabläufe stärken die Ausdauer, fördern sowohl die Geduld als auch die Selbstdisziplin und verbessern die motorischen Fähigkeiten erheblich. Diese Kata eignet sich u.a. wunderbar als Aufwärmtraining vor Beginn des Randori. Zu diesem Zweck sollte man sie als gymnastische Übung ansehen und ausführen.

Dazu muss man verstehen, dass diese Übungen zwar durchaus für die Anwendung in realen Kampfsituationen gedacht sind, jedoch auch als gymnastische Bewegungen ausgeführt werden können und so einen enormen Nutzen haben im Hinblick auf ihre Wirkung auf den Muskelapparat und die Steigerung der körperlichen Elastizität. Gleichzeitig ist diese Kata eine hervorragende Möglichkeit, die Muskeln nach dem Training im Rahmen des sogenannten Abwärmens allmählich zu entspannen. Dazu sollte man die Kata so gestalten, daß ihre Ausführung eher an die Formen des Tai Chi Chuan erinnert. Weiterhin ist es möglich, Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku zu benutzen, um die sogenannten „Inneren Kräfte“ (Haragei) zu aktivieren. Das bedeutet, daß man diese Kata besonders langsam und kraftvoll ausführen muß, um damit ähnliche Effekte wie bei den Übungen des Chi Gung zu erzielen. Gleichzeitig kann man diese Kata als „Meditation in Bewegung“ betrachten. Eine solche Interpretation dieser Kata eignet sich für alle Altersgruppen, so dass auch Kinder damit vertraut gemacht werden können. Damit wiederum erfüllt die Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku eine erzieherische Aufgabe, wenngleich diese heute natürlich eine andere ist als im Japan der zwanziger und dreißiger Jahre. Diese Kata unterstreicht somit auch heute noch den Wert des Kodokan Judo als pädagogisches System. Man darf mithin zu Recht davon ausgehen, dass die Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku, betrachtet vom Standpunkt der Körpererziehung, wesentlich mehr darstellt als nur eine besonders wertvolle Art der Gymnastik. Es würde der Vielseitigkeit des Kodokan Judo jedoch nicht gerecht, wollte man die Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku nur vom Standpunkt der Körpererziehung aus betrachten. Diese Kata lehrt vielmehr – vom Standpunkt einer effektiven, funktionalen Kampfkunst aus betrachtet – die grundlegenden Bewegungen der Atemi-Waza des Kodokan Judo. Zudem repräsentiert sie das Prinzip des Kobo-Itchi (= Abwehr und Angriff sind dasselbe). Mit Ausnahme der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku werden alle Kata des Kodokan Judo mit einem Partner ausgeführt. Das bedeutet, dass diese Kata sämtlich das Verständnis des Ma-Ai lehren. Ma-Ai erklärt das Konzept der (richtigen) Distanz zwischen zwei Gegnern. Diese Gegner kann man auch als zwei verschiedene Energien betrachten, welche durch die Distanz von Raum und Zeit getrennt sind. Distanz bedeutet hier ganz konkret, dass man sich über die eigene Reichweite und über die Reichweite des Gegners im Klaren ist. Die eigene Technik kann nur dann effektiv sein, wenn man die Distanz präzise einzuschätzen versteht. Präzision bedeutet daher Effektivität. Die Kata des Kodokan Judo, welche mit einem Partner ausgeführt werden, lehren eben diese Präzision in Bezug auf das Ma-Ai. Doch die Lehren, welche man aus diesen Kata ziehen kann (und muß), beinhalten ein weiteres wichtiges Moment. Ma-Ai nämlich bedingt immer auch den Aspekt des De-Ai. Das De-Ai definiert den exakten Moment, in welchem die durch Ma-Ai getrennten Energien (oder Gegner) die Distanz überwinden und aufeinandertreffen. De-Ai beschreibt also auch jenen Punkt, an dem Technik erst wirksam werden kann. Um dabei erfolgreich und effektiv zu sein, muß der Judoka die Kata des Kodokan Judo auch als Wissensspeicher in Bezug auf Tai-Sabaki (zielgerichtetes Bewegen des Körpers), Te-Sabaki (zielgerichtetes Bewegen der Hände) und Kamae (Position und Deckung) verstehen. Das wiederholte intensive Üben der Kata des Kodokan Judo verleiht dem Judoka nach und nach die Kontrolle über sein Hara und ist somit eine perfekte Möglichkeit, das Konzept des Haragei in die Praxis umzusetzen. Die traditionellen Kata des Kodokan Judo, im Sinne einer ganzheitlichen Kampfkunst praktiziert, führen den Judoka zu Beständigkeit und Hingabe. Damit lehren alle Kata des Kodokan Judo die jeder ernsthaften Kampfkunst eigenen kriegerischen Konzepte. Die Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku ist dabei die einzige Form des Kodokan Judo, die ohne Partner ausgeführt wird.

Dies verleiht ihr einen ganz besonderen Stellenwert. Es gibt in dieser Kata nicht die in den anderen Kata des Kodokan Judo übliche Kontrolle durch den Partner. Macht der Judoka in den anderen Kata des Kodokan Judo einen Fehler, dann ist dieser deutlich zu erkennen, da der Partner nicht in der vorgeschriebenen Weise reagieren kann. Diese Kontrolle fällt in der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku weg. Damit aber wird dem Judoka von Anfang an eine große Verantwortung auferlegt, denn er allein ist es nun, der erkennen und fühlen muß, ob er die Kata korrekt ausführt. Er allein entscheidet darüber, welcher Interpretation der Kata er den Vorzug gibt. Er allein muß entscheiden, mit welcher Intention er die Kata übt. Der dadurch bedingte erzieherische Effekt ist enorm. Hier finden wir den entscheidenden Schritt zur Selbstdisziplinierung und zur Beständigkeit. Der Judoka wird vor allem durch das Üben der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku körperlich stärker werden. Gleichzeitig aber wird er seine motorischen Fähigkeiten nicht nur sehr gut kennenlernen, sondern diese sogar entscheidend verbessern können. Dadurch wird er zu einem wesentlich ökonomischeren und daher effektiveren Kampfverhalten in der Lage sein. Schließlich und endlich beinhaltet diese Kata die entscheidenden Bewegungen des effektiven Schlagens und Tretens in unspektakulärer und daher oft verkannter Form. Etliche Bewegungen der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku führen darüber hinaus bei aufmerksamer Betrachtung zu den effektiven Verbindungen der Atemi-Waza mit den Wurftechniken sowie den Hebel- und Würgetechniken des Kodokan Judo. Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku ist demzufolge durchaus als eine universelle Form des Kodokan Judo zu bezeichnen. Heute gibt es verschiedentlich harsche Kritik an der Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku. So wurde von einigen Autoren z. B. die Meinung geäußert, die Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku sei ja „nur“ eine Kategorie innerhalb des Kodokan Judo. Dies aber schmälere ihren Wert als System der nationalen Leibeserziehung ganz erheblich. Hier soll auch der Grund dafür zu suchen sein, dass diese Form in den dreißiger Jahren (und später) keine allzu große Verbreitung fand. Doch dafür waren letztlich andere Gründe ausschlaggebend – KANO Jigoro nämlich weigerte sich standhaft, den Kodokan vom japanischen Militär vereinnahmen und zu einer Militärakademie umfunktionieren zu lassen … Es wurde von einigen modernen Autoren besonders bemängelt, dass KANO Jigoro diese Form der Leibeserziehung zu sehr mit dem Kodokan Judo vermische. Nachdem deutlich aufgezeigt wurde, dass die Form Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku selbstverständlich auf das Kodokan Judo zurückgeht, ist der vorstehend geäußerte Vorwurf eigentlich unverständlich. Ob die Seiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku heutzutage noch als System der nationalen Leibeserziehung bezeichnet werden sollte, sei dahingestellt. In jedem Falle aber ist diese Kata eine enorm wertvolle Form körperlicher und mentaler Übung und gewährt einen tiefen Einblick in grundlegende Zusammenhänge des Kodokan Judo.